Als >AUGE Wien sind wir Teil des Bündnisses „Personalnot ist lösbar“, weil wir überzeugt sind: Gute Versorgung, Bildung, Pflege und soziale Arbeit scheitern nicht an fehlenden Menschen – sondern an schlechten Arbeitsbedingungen und politischen Fehlentscheidungen.
Beschäftigte im Care-Bereich halten unsere Gesellschaft jeden Tag am Laufen, werden aber seit Jahren durch Personalmangel, Überlastung und Unterfinanzierung an ihre Grenzen gebracht. Wir stehen solidarisch an der Seite der Beschäftigten und aller Menschen, die auf funktionierende öffentliche Versorgung angewiesen sind. Denn Personalnot ist kein Naturgesetz – sie ist politisch gemacht und kann politisch gelöst werden.
Deswegen startet am 12. Mai unsere Kampagne die wir als >AUGE Wien in das “Bündnis Personalnot ist lösbar” eingebracht, gestaltet und mit ins leben gerufen haben. Gemeinsam kämpfen wir für bessere Arbeitsbedingungen, mehr Personal und eine gute Versorgung für alle.
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Brief von Bündnis Personalnot ist lösbar:
Mehr denn je befindet sich der Care-Sektor in einer tiefen, sich zuspitzenden Krise. Überlastung, Zeitstress und Erschöpfung sind an der Tagesordnung für bezahlte als auch unbezahlte Care-Tätige. Obwohl der bezahlte Care-Sektor dafür da ist, sich um das Wohlbefinden und die Gesundheit aller Menschen zu sorgen, wird er aktiv von der Politik ausgehungert und unterfinanziert. Das Ergebnis? Eine Personalnot, die Arbeitende dermaßen überlastet, dass das System in sich zusammenzubrechen droht. Es fehlt an Betreuungsplätzen in pädagogischen Einrichtungen, Kindergärten sind überfüllt, OP-Kapazitäten werden aufgrund Personalmangels gesperrt, Pflegeheime führen jahrelange Wartelisten. So berichtete das Allgemeine Krankenhaus der Stadt Wien 2023, dass 30% der chirurgischen Kapazitäten aufgrund fehlenden Personals eingebüßt wurden. Laut einer Studie der Uni Klagenfurt könnten bis 2030 österreichweit 13.700 Fachkräfte in Kindergärten fehlen; der Mangel an Elementarpädagog:innen bedeutet nicht nur eine Zusatzbelastung des Personals, sondern führt auch zu einer schlechteren Kinderbetreuung.
Dabei ist die Personalnot nur ein Symptom eines kranken Systems, das Sorgearbeit nicht wertschätzt, abwertet und der profitorientierten Wirtschaft unterordnet. Der sogenannte Fachkräftemangel ist ein einfacher Mangel an guten Arbeitsbedingungen und gerechter Entlohnung für die existenzsichernde Arbeit der Sorgeleistenden. Aufgrund der Abwertung von Care-Arbeit, traditionellen Geschlechterrollen und rassistischen Ideologien müssen vor allem Frauen*, Migrant*innen und sexuell/kulturell ausgegrenzte Männer, die den Großteil der unterbezahlten Berufe im Sozial- und Pflegebereich übernehmen, die Kosten der Krise tragen. Menschen, die auf öffentliche Sorgeleistungen angewiesen sind und sich keine privat finanzierte Fürsorge leisten können, sind von der Care-Krise und der Personalnot besonders stark betroffen, da sie dadurch mehr unbezahlte Care-Arbeit beanspruchen müssen. Die unbezahlte und dadurch oft unsichtbare Haus- und Sorgearbeit wird nach wie vor zu rund 80% von Frauen* und Mädchen* geleistet, die aufgrund dieser ungleichen/ungerechten Arbeitsverteilung in vielen Fällen mit zahlreichen Benachteiligungen im privaten sowie professionellen Leben (wie etwa Alters- und Zeitarmut, Doppel- und Dreifachbelastung, Teilzeitfalle) zu kämpfen haben.
Wir sind alle betroffen
Die akute Personalnot im Care-Sektor betrifft nicht nur die Beschäftigten, sondern uns alle. Jede*r Einzelne von uns ist in verschiedenen Lebensstadien auf (Für-)Sorge angewiesen. Wir fragen daher: Wer soll sich um Dich, Deine Kinder, Eltern oder Angehörigen kümmern, wenn zu wenig Personal da ist? Es ist klar, dass wir uns zusammenschließen und mit Care- Beschäftigten solidarisieren müssen, wenn wir gute Care-Leistungen für uns selbst und unsere Mitmenschen wollen. Nur gemeinsam können wir Veränderung herbeiführen, denn die Politik wird es ohne notwendige Druckmittel nicht tun. Die aggressiven Kürzungen und der massive Stellenabbau im Sozialbereich der aktuellen Regierung (der Stadt Wien) treffen bewusst geringverdienende Familien, Alleinerziehende, WGs, Senior*innen und Menschen mit chronischen Erkrankungen am härtesten und zeigen den gemeinschaftsschädlichen/unsozialen Kurs der vermeintlich ‘sozialdemokratischen’ Politik.
Es wird deutlich, dass die Politik die Kosten der Krise erneut auf die Vulnerabelsten auslagert und es wir sind, die eingreifen müssen. Wer glaubt, dass Kürzungen im Bildungs-, Sozial- und Gesundheitsbereich Einsparungen ermöglichen, verkennt die daraus entstehenden Folgekosten. Im Gegenteil führen Einsparungen in diesen Bereichen langfristig zu einem höheren Finanzierungsbedarf. Laut einer Studie der OECD sind die Folgen von Kinderarmut in Österreich gravierend (1,6% des BIP an Einkommensverlusten und 2% des BIP an Gesundheitskosten). Und auch in anderen Bereichen zeigen Investitionen in den Care-Sektor durchwegs positive langfristige Wirkungen.
Personalnot ist kein Naturgesetz
Wir wollen bewusst darauf hinweisen, dass die aktuelle Krisensituation im Sorgebereich aktiv von der Politik verursacht wird. Personalnot ist kein Naturgesetz, sondern menschengemacht. Die Finanzierung verschiedener Ressorts ist eine Verteilungsfrage und politische Entscheidung, die von Machtinteressen beeinflusst wird. Während 4,7 Milliarden Euro in die Militarisierung Österreichs fließen, Konzerne mit Millionen gefördert und Konzernsteuern gekürzt werden und Milliardär*innen immer noch keine Vermögenssteuern zahlen, wird der Sozialbereich kaputt gespart und es werden Menschenleben aufs Spiel gesetzt5. Dabei haben Studien gezeigt, dass sich Investitionen in den Care-Sektor langfristig positiv auf die Wirtschaft auswirken. Eine systematische Review der University of Liverpool kam zu dem Ergebnis, dass jedes investierte Pfund in öffentliche Gesundheit eine Rendite von durchschnittlich 14,3 Pfund abwirft und somit Investitionen in den Gesundheitssektor nicht nur kostensparend, sondern sogar rentabel ausfallen.
Obwohl die wirtschaftliche Rentabilität auf keinen Fall der einzige Grund für eine ausgiebige Finanzierung des Sorge- und Pflegebereichs ist (die Unabdingbarkeit solcher Tätigkeiten für das Wohlergehen aller Menschen sollte reichen!), zeigt sie die Irrationalität, Verkehrtheit und Kurzsichtigkeit der aktuellen Kürzungspolitik auf.
Die Wirtschaft sollte eigentlich dafür zuständig sein, menschliche Bedürfnisse zu befriedigen, statt Profite über Menschenleben zu stellen. Eine solche fairsorgende Gesellschaft ist nur möglich, wenn der Care-Sektor die Anerkennung und Finanzierung bekommt, die ihm zusteht. Gute Sorge- und Pflegeleistungen sind nur möglich, wenn sich die Beschäftigten darauf konzentrieren können, gute Arbeit zu leisten, anstatt permanent gegen Überarbeitung und Erschöpfung zu kämpfen und die drastischen Konsequenzen der Unterfinanzierung und Unterbesetzung abzufedern.
Was können wir tun?
Die eklatante Personalnot im Care-Sektor stellt zwar lediglich eines der vielen Symptome eines kranken Systems dar, doch bildet sie einen guten Ansatzpunkt für erste Handlungsschritte. Wir sehen die (Wieder-)Herstellung der Attraktivität des Sorge- und Pflegeberufes als einen zentralen Knackpunkt des Problems. Das kann durch bessere Ausbildungs- und Anstellungsbedingungen, mehr ausgebildetes Personal, höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen, Dienstplansicherheit, Arbeitszeitverkürzung und höhere soziale Anerkennung gelingen. Wenn kooperatives und selbstverantwortliches Arbeiten möglich ist und gefördert wird und Care-Leistenden ausreichend Zeit für die Arbeit mit Menschen haben, entsteht mehr Arbeitsfreude und Menschen bleiben länger und lieber im Beruf.
Wir fordern, dass die Politik die spezifischen Bedürfnisse und Wünsche der einzelnen Care- Sektoren bewusst wahrnimmt und mit ausreichenden finanziellen Mitteln eine gute Arbeit und eine gute Versorgung ermöglicht. Einen zentralen Aspekt bildet dabei die Demokratisierung des Personalschlüssels: Entscheidungen dürfen nicht von einigen wenigen getroffen werden, sondern sollen unterschiedliche Berufsgruppen und Betroffenengruppen inkludieren, um so auf die verschiedenen Bedürfnisse und Ansprüche besser einzugehen. Wir müssen über unsere Fairsorgung selbst bestimmen!
All diese Forderungen werden jedoch erst mit einem Care-Beschäftigungsplan vollends umsetzbar, in dem die Verteilung von Sorge- und Pflegearbeit im Privaten gerecht zwischen Geschlechtern aufgeteilt ist. Unbezahlte Care-Arbeit muss von allen geleistet und nach individueller Belastbarkeit fair aufgeteilt werden, damit nicht einige wenige aufgrund der Doppelbelastung in Berufs- und Lebenssituationen benachteiligt sind. Das bedeutet vor allem mehr Zeit für Sorgearbeit im Privaten.
Eine Welt, in der alle fairsorgt sind, ist möglich! – Mach wir sie gemeinsam zur Realität!
