Gewalt hat viele Formen. Sie beginnt nicht erst bei Schlägen. Sie ist auch das „zufällige“ Anfassen im Lager, die sexualisierte Bemerkung im Pausenraum, das Nachstellen nach der Spätschicht, die Demütigung vor Kund:innen, die Drohung mit schlechten Schichten, das systematische Kleinmachen in Teamsitzungen. Und sie ist ebenso strukturelle Gewalt: Unterbesetzung, Alleinarbeit, Nachtdienste ohne Schutzkonzept, fehlende Rückzugsräume, prekäre Verträge, „freiwillige“ Überstunden, die in Wahrheit Zwang sind. Wer in so einer Umgebung noch behauptet, es gehe nur um „Respekt im Umgang“, hat vieles nicht verstanden – oder will es nicht verstehen.
Aus der Sicht der AUGE Wien ist klar: Gewalt ist ein Arbeitskampfthema. Denn sie hängt an Machtverhältnissen. Dort, wo wenige über viele verfügen, wo Kündigungen leicht sind, wo Befristung normal ist, wo Kolleg:innen gegeneinander ausgespielt werden, wächst die Bereitschaft – dort werden auch leichter andere Grenzen überschritten. Besonders betroffen sind Branchen mit hoher Prekarität und Kund:innenkontakt: Handel, Gastronomie, Pflege, Reinigung, Callcenter, Zustellung. Und besonders gefährdet sind jene, die am wenigsten „nein“ sagen können: junge Kolleg:innen, Migrantinnen, Alleinerziehende, Lehrlinge, Beschäftigte ohne sicheren Aufenthaltsstatus, Frauen in Abhängigkeitsverhältnissen zu Vorgesetzten oder Schichtleitungen.
Darum reicht es nicht, an die „Betriebskultur“ zu appellieren. Wir brauchen verbindliche Regeln, die weh tun, wenn sie gebrochen werden: Null Toleranz, klare Meldewege, Schutz vor Repressalien, bezahlte Freistellung für Betroffene, rechtliche und psychosoziale Unterstützung, konsequente Sanktionen bis zur Entfernung von Tätern aus dem Betrieb. Und: Wer meldet, darf nicht als „schwierig“ gelten – sondern als Kolleg:in, die den Betrieb sicherer macht.
Beenden wir endlich dieses System aus Abhängigkeit, Angst und Schweigen – und die tägliche Erpressbarkeit über Einkommen, Dienstplan, Karriere und Aufenthaltsstatus.

