Nach sieben Verhandlungsrunden haben sich Gewerkschaft GPA und Wirtschaftskammer auf einen neuen Kollektivvertrag für die rund 90.000 Beschäftigten der IT-Branche geeinigt. Die Mindestgehälter steigen sozial gestaffelt zwischen 3,1 % und 2,7 %. Laut Verhandlungsleiterin der GPA, Sandra Steiner, handelt es sich um einen „harten Kompromiss für beide Seiten“.
Dass es überhaupt zu Warnstreiks kommen musste, zeigt allerdings, wie angespannt die Verhandlungen waren – und wie weit die Positionen auseinanderlagen.
Eine Branche, die gut durch die Krise gekommen ist
Gerade in der IT stellt sich die Frage nach der Angemessenheit solcher Abschlüsse besonders deutlich.
Die Branche gehört zu jenen Wirtschaftsbereichen, die nicht zu den Verlierern der letzten Krisen zählen – im Gegenteil. Digitalisierungsschübe, steigende Nachfrage nach Software-Dienstleistungen und langfristige Aufträge haben vielen Unternehmen stabile oder sogar steigende Gewinne beschert.
Während also viele IT-Firmen wachsen, stehen Beschäftigte trotzdem jedes Jahr erneut vor der Situation, um reale Einkommenserhöhungen kämpfen zu müssen. Dass selbst in einer wirtschaftlich starken Branche ein Abschluss erst nach Warnstreiks und sieben Runden zustande kommt, sagt viel über das aktuelle Kräfteverhältnis aus.
Sozialpartnerschaft funktioniert nur mit Machtbalance
Die österreichische Sozialpartnerschaft wird oft als Erfolgsmodell dargestellt. Auf kollektivvertraglicher Ebene zeigt sich jedoch immer wieder:
Sie funktioniert nur dann, wenn Beschäftigte auch reale Machtressourcen haben – also organisierte Belegschaften, Betriebsräte und im Zweifel auch die Bereitschaft zu Arbeitskampfmaßnahmen.
Die Warnstreiks in der IT-Branche waren deshalb nicht nur ein Druckmittel, sondern ein wichtiges Signal:
Auch in hochqualifizierten Branchen sind kollektive Interessenvertretung und gewerkschaftliche Organisation unverzichtbar.
Ohne diesen Druck wären die Verhandlungen vermutlich noch deutlich schlechter ausgegangen.
Die eigentliche Frage: Wer profitiert vom Produktivitätsgewinn?
Der Konflikt verweist aber auf ein tiefer liegendes Problem:
Wie soll Sozialpartnerschaft im Kapitalismus funktionieren, wenn die grundlegende Entscheidungsmacht über Gewinne und Investitionen ausschließlich bei den Unternehmen liegt?
Wenn Unternehmen Profite nach Außen verteilen, aber in Krisen von ihren Mitarbeiter:innen Lohnverzicht verlangen.
In Branchen wie der IT entstehen enorme Wertschöpfung und Produktivitätsgewinne – getragen von hochqualifizierten Beschäftigten. Trotzdem bleibt die Verteilung dieser Gewinne weitgehend einseitig organisiert.
Solange Beschäftigte nur über Lohnrunden an der Wertschöpfung beteiligt sind, bleibt der Anteil, der bei ihnen ankommt, strukturell begrenzt.
Wirtschaftsdemokratie statt bloßer Mitbestimmung
Deshalb braucht es eine weitergehende Perspektive: Wirtschaftsdemokratie.
Das bedeutet nicht nur Mitbestimmung auf Papier, sondern reale demokratische Kontrolle über wirtschaftliche Entscheidungen – tief in den Betrieben verankert.
Dazu gehören etwa:
• starke Betriebsräte mit echten Mitentscheidungsrechten
• transparente Unternehmenszahlen
• Beteiligung der Beschäftigten an strategischen Entscheidungen
• und vor allem: eine strukturelle Verfügungsmacht der Beschäftigten am erwirtschafteten Gewinn
Denn eines ist klar:
Der wirtschaftliche Erfolg eines Unternehmens entsteht nicht im Vorstandsbüro, sondern durch die Arbeit der Menschen im Betrieb.
Der IT-Abschluss zeigt: Organisation wirkt
Der aktuelle Abschluss ist kein großer Durchbruch. Aber er zeigt etwas Wichtiges:
Dort, wo Beschäftigte organisiert sind und bereit sind, Druck aufzubauen, kann sich das Kräfteverhältnis verschieben.
Gerade in einer Branche wie der IT, die lange als „streikfern“ galt, sind die Warnstreiks deshalb ein bemerkenswertes Signal.
Aber es wird an der aktuellen Problematik wenig ändern. Um hier etwas zu bewegen, sind andere Mittel gefragt, vor allem eine neue Debatte über die Verteilung von Macht und Gewinn in unseren Betrieben.
Denn am Ende bleibt eine einfache Frage:
Wenn Unternehmen wachsen, Gewinne steigen und Produktivität zunimmt –
warum sollten davon nicht auch jene profitieren, die diese Wertschöpfung jeden Tag erarbeiten?

