Leo Graf (8. 12. 1927 – 26. 4. 2026)

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Der Leo, unser Papa, war in vielen Welten unterwegs. Er konnte auf ein pralles Leben zurückblicken – mit unvergesslichen Bergerlebnissen, nicht nur in den Alpen, sondern auch in den Anden, im Pamir, im Altai-Gebirge und im Himalaya. Es gibt wohl kaum einen nennens-werten Gipfel, den er nicht erstiegen hat. 

Aber er bewegte sich nicht nur in den Kreisen der Alpinisten und Extrembergsteiger. Er war auch politisch wach und aktiv. Er engagierte sich in der Bezirksgruppe der Grünen in Margareten, wo er lange Jahre Bezirksrat und Kassier für die Grünen war. Er war Mitglied der Österreichisch-Kubanischen Gesellschaft, er hat sich für die Freilassung von Julian Assange und vor allem für die Neutralität Österreichs und gegen jegliche Kriegshetze eingesetzt. Bis zuletzt ist er bei Demos mitmarschiert. Und er war ein unermüdlicher Leserbriefschreiber. Im links-alternativen Milieu war er kein Unbekannter – allgemein beliebt und geschätzt. Davon zeugt ein T-Shirt, das wohl für ihn persönlich angefertigt wurde. „Leo, der viel Geliebte“ war da zu lesen. Das bringt es wohl auf den Punkt.

Aufgewachsen ist er in einem Gemeindebau aus den 1920er Jahren – an der Ringstraße des Proletariats. Leider war es mit einer halbwegs unbeschwerten Jugend schnell vorbei. Er war keine 16, als man ihn in eine Uniform gesteckt und als einen von Hitlers Kindersoldaten zur Luftabwehr geschickt hat. Im Lauf des Kriegs hat es ihn dann an die deutsche Nordseeküste verschlagen. Da er noch so jung war, wurde er auch dort nur für Hilfsdienste eingesetzt. So kam er zum Glück nie in die Verlegenheit, auf den „Feind“ schießen zu müssen. Der Krieg hat ihm seine Jugend genommen, und seither war er überzeugter Pazifist.

In meiner Kindheit hat er eher durch Abwesenheit geglänzt, was für Väter seiner Generation durchaus üblich war. Aber sobald er das Gefühl hatte, mit mir „etwas mehr anfangen zu können“, hat er mich auf Autoren wie Heinrich Böll oder Wolfgang Borchert aufmerksam gemacht. 1969 hat er mit mir über das Volksbegehren zur Abschaffung des Bundesheeres gesprochen. Ich weiß noch, dass ich mich wahnsinnig geärgert habe, nicht mitmachen zu können, weil ich noch minderjährig war. Ein Land ohne Heer – das mutet heute utopisch an, denn heute wird ja landauf landab gepredigt, dass Österreich kriegstüchtig werden muss. 

Überhaupt war der Papa in all diesen Jahren eher ein älterer Freund als ein Vater für mich. Und das will ich als Kompliment an ihn verstanden wissen. Er war unendlich neugierig, grenzenlos tolerant und hat sich auch gegenüber neueren politischen Strömungen, wie der queeren Bewegung, offen gezeigt. Vorschnelle Urteile waren nicht seine Sache – und Verurteilungen schon gar nicht. 

Und er hatte einen so großen Freundeskreis, dass es für mich als Tochter nicht immer einfach war, einen „Termin“ bei ihm zu bekommen. Zuletzt habe ich ihn bei einem gemeinsamen Frühstück im April gesehen, wo wir wie immer heftig politisiert haben, obwohl unsere Meinungen nicht wirklich konträr waren. Da hat er gemeint, dass er sich praktisch verpflichtet fühlt, 100 zu werden, weil so viele Leute aus seinem Umfeld ein rauschendes Fest feiern wollen.  

Der Papa war zwar ein toller Marathonläufer, nur auf den letzten Kilometern zum Hunderter ist ihm dann doch die Energie ausgegangen. Aber nach einem erfüllten Leben darf man sich auch mit 98 verabschieden. Trotzdem wird er nicht nur mir, sondern vielen Menschen fehlen.

Elfie Fleck